Flyer "Noch mehr Zukunft..."


Flyer "Noch mehr Zukunft!" (2013)
Hier geht es um Veränderung, denn viele spüren, dass es nach siebzig Jahren Konstanz wieder Zeit für einen Wandel ist.

Wie kann man etwas bewegen? Früher glaubte ich, Firmenchefs, auch Entscheidungsträger genannt, könnten etwas verändern. Vielleicht war das in den Siebziger Jahren so. Käme ein Manager heute auf die Idee, einen Produktionsprozess umweltfreundlicher zu gestalten, müsste er Eigentümern, Aufsichtsrat, Aktionären oder anderen sofort die Frage beantworten, was das kostet und was es bringt. Damit wäre die Sache vom Tisch, denn in den meisten Fällen bringen solche Maßnahmen keine Zusatzeinnahmen. Kosten ohne Gewinnchance sind im Kapitalismus nicht vorgesehen. Nehmen wir an, es sei zufälligerweise kostenlos, brächte aber auch keinen Vorteil oder Gewinn, so würde man ihn trotzdem fragen, ob er seine Arbeitszeit nicht besser nutzen könne und ob er unnötig Risiken eingehen wolle. Somit ist klar, dass kein Manager eine die Welt verbessernde Ansicht umsetzen kann – ebensowenig wie seine Untergebenen. In früheren Zeiten, als die Manager oft gleichzeitig Eigner der Firma waren, war so etwas eher möglich, schmälerte aber auch damals zunächst die Einnahmen.

Nehmen wir an, Politiker in ihrer Funktion als Gesetzgeber haben die Möglichkeit, etwas zu verändern. Wenn einer eine unpopuläre, aber notwendige Entscheidung fällen wollte, so wie wir uns das oft wünschen, würden ihn die Medien verreißen, weil er sich angreifbar gemacht hätte, und ein Teil von uns Bürgern würde sich dem medialen Protest anschließen. Das gäbe einem anderen Politiker die Möglichkeit, sich mit moderateren Zielen zu profilieren. Diese brächten dann zwar nicht den gewünschten Erfolg, würden aber allen ein bisschen gerecht und täten vor allem niemandem wirklich weh. Genau das ist es, was unsere Politik heute ausmacht: Es werden zu viele Kompromisse gemacht. Damit können keine Grundsatzentscheidungen getroffen werden. Es wird immer nur Kosmetik betrieben. Das wichtigste für einen Politiker ist, wenig zu verändern, dies gut zu verkaufen und vor allen Dingen niemals negativ aufzufallen. Wer anders und insbesondere konsequenter handelt, ist raus, und dazu tragen wir kritischen Bürger unseren Teil bei. So werden keine großen Staatsmänner oder Staatsfrauen gemacht, und so werden auch keine dringend anstehenden Reformen begonnen.

Wir Bürger beschweren uns, dass wir als einzelne nicht in der Lage sind, das System zu verändern. „Und die Industrie stellt nicht genügend umweltfreundliche, sozialverträgliche Produkte her. Wie sollen wir etwas kaufen, was es nicht gibt?“ Aber wir tragen unseren Teil dazu bei: Wer nach billigen Produkten fragt, bekommt auch billige Produkte, nicht umweltfreundliche. Ebenso könnten wir uns für das Produkt entscheiden, das mit den geringsten sozialen Folgekosten (Kinderarbeit, Massentierhaltung, Niedrigstlöhne, Ausbeutung, Umweltschäden) erzeugt wurde. 

Wenn Politik, Industrie und Konsumenten nur gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen, wird sich wenig verändern. Wenn wir immer dasselbe tun, werden wir auch immer wieder dasselbe Resultat bekommen.

Somit folgen derzeit alle dem Zeitgeist: Nur ein Skandal mit dem entsprechenden Medienecho und der negativen Publicity führt zu einer Veränderung. Einen Skandal gibt es aber frühestens dann, wenn der Boden dafür bereitet ist, wenn die Erkenntnis beim einem maßgeblichen Teil der Bevölkerung angekommen ist, also meist erst sehr spät. Es wäre zu wünschen, dass sich neue Erkenntnisse schon früher verbreiten, oder diese besser noch von den „Entscheidungsträgern“ gezielt verbreitet werden. Unsere Politiker und Manager laufen der Entwicklung bisher immer nur hinterher. Vielfach bleiben Missstände lange unentdeckt oder unveröffentlicht – mit allem Leid, das sie über die Betroffenen bringen.

Durch diese Gedanken ist mir klargeworden, dass eine Veränderung nur durch Aufklärung und mehr Bildung erfolgen kann. Je früher wir Bürger wissen, was wirklich geschieht, umso früher verändert sich etwas. Wenn sich diese Erkenntnisse häufen, mündet das früher oder später in eine (hoffentlich) friedliche „Revolution“ – oder wie immer man die Veränderung nennen möchte.

In diesem Zusammenhang ein Wort an unsere Politiker: Versteht uns nicht als Gegner, beispielsweise bei Demonstrationen. Nur mit uns als Mehrheit im Rücken könnt ihr mutige, große Entscheidungen fällen! Wir sind Eure Unterstützer, und wir können euch helfen, endlich wieder vernünftige Entscheidungen zu fällen – was ihr nicht könnt, solange ihr eine Minderheit repräsentiert oder die Lobbyarbeit von Industrie und Interessenverbänden berücksichtigen müsst.

Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem hat uns in den letzten Jahrzehnten immer mehr vereinzelt. Viele leben alleine, wir sind Alleinerzieher, eigenverantwortlich und viel selbständiger als frühere Generationen. Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit sind grundsätzlich zu befürworten. Aber jemand, der alleine ist, ist leichter zu lenken als eine Gruppe. Das gilt auf unserer Arbeitsstelle genauso wie in politischem Zusammenhängen. Einen einzelnen Bürger kann man lenken, wie man will - ein Volk nicht.

Wenn alle Deutschen glauben, es sei nicht richtig, Banken mit Milliarden zu retten, dann werden keine Banken gerettet. Das klingt unglaubwürdig? Gegenfrage: Warum werden bei uns keine „Hexen“ mehr verbrannt wie früher im Mittelalter? Doch nicht deshalb, weil unsere Polizei das verhindert, sondern eher weil niemand daran glaubt, dass es Hexen gäbe. Eine Regierung oder eine Firmenleitung kann im Wesentlichen nur das tun, was von ihren Untergebenen getragen wird. Das setzt aber voraus, dass diese ihre Stimme erheben.

Wir tragen selbst offenkundig falsche Entscheidungen mit, indem wir meinen, diese seien unvermeidbar. Genau dieses Gefühl wollte uns unsere Regierung beispielsweise bei der Bankenrettung vermitteln. Wenn man mit anderen Menschen über Missstände in der Politik diskutiert, erhält man oft die resignierte Antwort, dass der entsprechende Umstand selbstverständlich falsch sei, aber eben alternativlos: „Da kann man als einzelner nichts ausrichten.“ Aber in der Masse sind wir stark. Warum sollten wir weiterhin an die Unabänderlichkeit des Kapitalismus glauben?

Unseren Kindern erklären wir, dass man nicht lügen und betrügen soll, aber bei der Arbeit halten wir es für unvermeidlich, weil es das Beste für die Firma sei. Wie soll etwas Richtiges herauskommen, wenn wir den falschen Weg gehen?

Die Zeit ist reif für eine Veränderung, man spürt es auf der ganzen Welt: Arabischer Frühling, die weltweite Occupy-Bewegung, Demonstrationen in der Türkei usw. In Deutschland haben wir bisher noch wenige davon gespürt, weil es uns noch relativ gut geht.

Auf der ganzen Welt haben sich die Bürger weiterentwickelt. Sie wollen freier und selbstbestimmter leben, aber die Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme sind nicht mitgewachsen oder entwickeln sich sogar rückwärts, hin zu weniger Freiheit.

In Europa wurden wir seit langem von Kriegen verschont. Früher ergab sich nach manchen Kriegen die Möglichkeit, neue Strukturen zu schaffen. Es wurden eine neue Verfassung beschlossen, neue Gesetze verabschiedet, neue Verwaltungssysteme eingeführt. Dies gab es hier seit über sechzig Jahren nicht mehr. Dringend erforderliche Reformen wie beispielsweise am Steuer- oder Gesundheitssystem sind bisher immer an den verschiedenen Lobbys gescheitert. Das soll nicht heißen, dass ein Krieg wünschenswert wäre, aber uns fehlt eine Möglichkeit zu großen Reformen. Das gilt umso mehr, seit wir infolge der Globalisierung immer stärker mit anderen Ländern vernetzt sind. In dieser Hinsicht leidet die ganze Welt an einem Reformstau.

Auf der Gegenseite bedeuten Globalisierung und Internet auch eine Chance zur Veränderung. Aufgrund der Vernetzung und weil das Internet schwerlich zensiert werden kann, sind Bürgerbewegungen kaum aufzuhalten. Zum ersten Mal seit ihrem Bestehen hat die Menschheit die Möglichkeit, zusammenzuwachsen und als ein Ganzes zu handeln. In der Vergangenheit war es immer wieder so, dass die einen die anderen ausbeuteten – im Kleinen wie im Großen. Wenn Menschen gegeneinander arbeiten, geht immer etwas kaputt, anstatt dass etwas entsteht. Was für Chancen würden sich bieten, wenn alle an einem Strang ziehen?

Die weltweite Unzufriedenheit wächst. Es wächst aber auch die Erkenntnis, dass Gewalt keine Lösung ist. Wo Frieden ist, kann Wohlstand entstehen. Der Wunsch nach einer friedlichen Veränderung kann gar nicht genug betont werden, denn Missstände schaffen Unzufriedenheit, die leicht in Gewalt und Extremismus münden. Das letzte Mal, als es so weit war, in der Zeit nach 1900, folgten zwei Weltkriege, weil die Gewalt geschürt wurde und die Mehrheit der Ansicht war, dies sei gut so. So etwas darf sich nicht wiederholen.

Achtet auf die Zeichen: Jetzt demonstrieren gerade die Türken gegen ihre autoritäre Regierung. Ich wollte noch schreiben: „Vielleicht sind demnächst die Portugiesen dran“, aber bevor dieser Flyer in den Druck ging, haben die Portugiesen das schon getan und auch die Brasilianer sind auf die Straße gegangen. Die Zeit ist reif für eine friedliche Weltrevolution!
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